Migrationsforscherin Gouma: „Der Sozialrassismus der „Eliten“ ist das Problem, nicht die Migrant/innen“

Mag. Assimina Gouma ist Mitarbeiterin am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Uni Wien. Ihr Arbeitsschwerpunkt liegt in der Migrations- und Antirassismusforschung. Kommende Woche wird sie an der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich die „Future Lecture“ zum Thema „Crossing borders in der Migrationsgesellschaft“ inhaltlich einleiten. Vorab analysiert sie im Interview unter anderem, warum Neoliberalismus nicht die Lösung für unsere aktuellen Probleme sein kann und kritisiert Politiker, die auf der aktuellen „antimigrantischen Welle“ mitschwimmen.

Assimina Gouma
Assimina Gouma

PH NÖ: In den USA wurde vor kurzem ein Mann zum Präsidenten gewählt, der gleichsam gegen Migrant/innen wettert und verächtlich über Frauen spricht. Scheint so, als habe sich die „political correctness“ der vergangenen Jahrzehnte ins Gegenteil verkehrt…

Gouma: „Political correctness“ ergibt Sinn, wenn sie mit Anliegen sozialer Gerechtigkeit in Verbindung steht. Das Konzept ist ohne politische Arbeit für entsprechende soziale Reformen sinnlos, und das ist, was wir häufig beobachten. Insgesamt wird politisch korrekte oder inkorrekte Sprache für politische Inszenierungen stark instrumentalisiert. Donald Trump hat einen egozentrischen Zugang zu sozialer Gerechtigkeit und war damit konsequent, dass er sich verachtend und polternd gibt. Er macht vom Privileg des „white man“ Gebrauch und befeuert damit die Phantasien der ebenfalls privilegierten männlichen weißen Wählerschaft.

Sprache bestimmt unser Denken. Nehmen Sie als Beispiel wie Nazis einst gegen Jüd/innen und Rechtsradikale aktuell gegen Migrant/innen und vor allem Muslim/innen sprachlich mobilisieren. Damit wir diese historischen Kontinuitäten brechen, ist es wichtig zu bewirken, dass antirassistische oder feministische Sprache sich in der Öffentlichkeit und im Privaten durchsetzt. Wie sollen wir uns für soziale Gerechtigkeit einsetzen, wenn wir keine Worte dafür finden? Soziale Bewegungen brauchen emanzipative Stimmen und Sprache genauso wie die Abgrenzung von diskriminierenden Inhalten und Gesten.

Andererseits werden rechte Politiker in letzter Zeit auch immer wieder zu Verteidigern der Frauenrechte, wenn es darum geht, „unsere“ Frauen vor den machoiden Zuwanderern zu schützen. Ist das eine ehrliche Sorge oder Mittel zur Abgrenzung?

Diese Strategie ist historisch nicht neu. Bei migrazine.at finden Sie den einen Beitrag von Iris Mendel und Petra Neuhold zum Fremdenrecht. Sie machen uns darauf aufmerksam, dass es solche „Frauenrechtler“ schon in der Kolonialzeit gab. Sie nennen als Beispiel Lord Cromer, britischer Generalkonsul in Ägypten Anfang des 20. Jahrhunderts. Cromer gab vor, das Ziel zu verfolgen, „to save brown women from brown men“. Gleichzeitig war er Gründungsmitglied und zeitweise Präsident der „Men’s League for Opposing Women’s Suffrage“ in England.

Es ist aus feministischer Perspektive wichtig, Rassismus in unser Namen zu bekämpfen. Es ist eine wundersame Sache: Reihenweise werden Frauen und Männer über Nacht zum Feminismus bekehrt. Sie verwechseln Feminismus mit Opportunismus. Diese Strategie verfolgen zwar nicht nur rechtsradikale Politiker, aber bei denen ist es besonders deutlich, dass es darum geht, auch soziale Gruppen, die sie politisch sonst als inferior behandeln, an ihre Politik zu binden. Denn Frauen distanzieren sich bei Wahlen stärker als Männer von Gewalt und rassistischer Politik. Das sehen wir in Österreich aber auch z.B. in Griechenland in Bezug auf die „Goldene Morgenröte“. Frauen wird das Versprechen gegeben, dass rechtsradikale Parteien ihren „Besitz“, die „eigenen Frauen“, vorm „fremden Mann“ schützen werden. Wohlbemerkt aber nicht vor Donald Trump – ich vermute, er dürfte sich bedienen.

Tatsächlich scheint es so, als sei das Geschlechtsrollenbild bei vielen Zuwander/innen auch in der zweiten und dritten Generation in der Vergangenheit stecken geblieben, etwa wenn Väter von Schulkindern die Klassenlehrerin nicht als ebenbürtige Gesprächspartnerin akzeptieren und lieber mit ihrem männlichen Kollegen sprechen wollen…

Es gibt Männer, die sich weigern, einer Frau die Hand zu geben, und es gibt Frauen, die sich weigern, einem Mann die Hand zu geben. Wie viele Männer und Frauen muslimischen Glaubens distanzieren sich davon? Unzählige. Trotzdem schreien viele „Kulturkonflikt“ und wünschen dann in Postings anderen Menschen den Tod. Die antimigrantische Welle, die uns entgegen schlägt, steht zu keinem Verhältnis zur Realität. Viele PolitikerInnen sind auf dieser Welle groß geworden, und ihre politische Vision ist dann die Kürzung der Mindestsicherung. Der Sozialrassismus der „Eliten“ ist das Problem, nicht die Migrant/innen oder die, die wenige Ressourcen zum Leben haben.

Die mediale Ausschlachtung von Antifeminismus passiert dann, wenn das Selbstbild als Hochburg der Frauenrechte mit der Kulturalisierung der „Anderen“ genährt wird. Denken Sie an die Hasspostings, Tötungs- und Vergewaltigungsphantasien, mit denen Journalistinnen bedroht werden. Die breitere Öffentlichkeit hat davon erfahren, als vier Karrierefrauen gemeinsam berichtet haben. Aber das ist Alltag für Journalistinnen seit es Postings gibt. „Halts Maul, User“ schrieb 2009 die dieStandard-Redaktion als sie einen Forum-freien Tag einrichtete. Wo sind dann die empörten „Frauenrechtler“, wenn die Rechten in die Tastatur hämmern? Ist der Rechtsruck der Gesellschaft nicht eher das Thema, das uns in Bezug zu Antifeminismus beschäftigen sollte?

Wenn Frauen mit Antifeminismus konfrontiert werden, sollten sie mit gesellschaftlicher und rechtlicher Unterstützung rechnen können. Das trifft bei der betroffenen Lehrerin zumindest gesellschaftlich zu, aber das hängt in dem bestimmten Fall überwiegend mit dem antimuslimischen Rassismus unserer Zeit zusammen. Für viele anderen Frauen und Migrantinnen kommt solche Unterstützung selten vor, wenn z.B. das Fremdenrecht Abhängigkeiten zu ihren Ehemännern schafft. Frauenrechte wurden nie geschenkt, und sie stehen immer wieder zu Disposition. Es gibt Möglichkeiten, für feministische Anliegen zu kämpfen ohne in einen antimuslimischen Rassismus zu verfallen. Migrantinnenorganisation wie maiz, Lefö, Peregrina etc. haben umfangreiches Wissen dazu. Man muss sie einfach fragen und mitgestalten lassen.

Andererseits fühlen sich gerade junge Männer heute als Verlierer in der Gesellschaft – und zwar unabhängig davon, ob sie Migrationshintergrund aufweisen oder nicht. Was ist da in den letzten Jahren und Jahrzehnten schief gelaufen?

Schief gelaufen ist, dass das neoliberale Projekt der früheren Generationen kurzsichtig und opportunistisch ist. Es schafft Armut und Veredelung. Nicht nur der globale Süden wird ausgebeutet, auch die Wohlfahrtsstaaten haben prekäre Zukunftsaussichten für Jugendliche geschaffen, die nicht das nötige Kleingeld oder die „richtigen“ Netzwerke von der Familie erben.

Das groß angelegte Projekt „Generation what?“, im Zuge dessen 18-34-Jährige in Europa befragt werden, zeigt große Verunsicherung in quasi allen Lebensbereichen. Nichts scheint für sie so wirklich sicher in unserer Zeit. Wie können diese jungen Menschen wieder mehr Sicherheit gewinnen?

Jugendliche wissen, dass das einstige Versprechen, durch eine gute Ausbildung das Leben in Griff zu bekommen, nicht mehr so einlösbar ist. Das trifft sogenannte „class migrants“ am stärksten. Das Recht, ohne Angst leben zu können, ist zentral. Westliche Jugendliche müssen sich trotzdem fragen, welchen Preis sie für ihre Sicherheit zahlen wollen. Denn trotz des sozialen Rückschritts in Europa, gehören wir zu den privilegiertesten Bewohner/innen der Welt.

Wir wissen, dass unser Neoliberalismus den globalen Süden zerstört, auch wenn wir das selten vor Ort erleben. Ich habe die Rede von Alain Badiou am Tag nach den US-Wahlen gelesen, und er erinnert daran, dass heute 264 Personen so viel wie drei Milliarden Menschen besitzen. Das gab es noch nie in der Geschichte der Menschheit. Er spricht davon, dass uns Neoliberalismus nicht als eine gute Lösung, sondern als die einzige Lösung verkauft wird. Und angesichts von faschistischen Demokratien mit Trump oder Berlusconi geht er von der Notwendigkeit einer Revolution aus. Behält er Recht, dann kommen turbulente unsichere Zeiten auf uns zu.

Ich frage Studierende oft nach der Definition des „Guten Lebens“ aus der eigenen Perspektive. Meistens gibt es dazu keine schnellen, schon eingeübten Antworten. Das ist spannend, auch wenn noch niemand von Revolution spricht.

 

Veranstaltungsvorschau:

Crossing Borders

Offener Themenabend: „Frauen, Männer und Jugendliche in der Migrationsgesellschaft“ am 21. November ab 17.30 Uhr an der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich.
Eintritt frei!

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